Warum Schadenkosten schwerer kalkulierbar werden
Das wirtschaftliche Umfeld im Kfz‑Versicherungsgeschäft verändert sich seit Jahren spürbar. Schadenkosten entwickeln sich dynamischer und entziehen sich zunehmend stabilen Vergleichsmaßstäben. Das setzt etablierte Kalkulationsannahmen unter Druck. Die Herausforderung: Die Treiber für die Schadeninflation sind genauso vielfältig wie die Ursachen für das volatile Marktumfeld der Kfz-Versicherung. Angesichts steigender Kosten und sinkender Vorhersehbarkeit ist es für Versicherer wichtiger denn je, ihre internen Prozesse anzupassen, vor allem die Risikoprüfung.
Schadeninflation: Seit Jahren steigende Kosten
Die Schadeninflation im Kfz-Geschäft lag 2025 bei 4,7 Prozent und damit weit über der allgemeinen Teuerungsrate. Und diese Entwicklung ist nicht neu: Seit 2014 sind die Schadenkosten durchschnittlich um 3,7 Prozent pro Jahr gestiegen.
In der neuen GDV-Studie „Kfz-Versicherung 2040 – Automatisiertes Fahren & E‑Mobilität” (Mai 2026) gehen die Experten davon aus, dass der Schadenaufwand bis 2040 um 24 bis 32 Prozent steigen könnte – und das unter der Annahme einer Inflation von 2,0 Prozent. Setzt sich die Preisentwicklung der letzten zehn Jahre fort, sind sogar Steigerungen von 64 bis 75 Prozent zu erwarten. Verantwortlich dafür sind eine Vielzahl von Treibern, die eine langfristige Planungssicherheit im Kfz-Geschäft erschweren.
Treiber der Schadeninflation im Kfz-Bereich
Einige Faktoren treiben die Preise seit Jahren nach oben. Dazu gehören die allgemeine Inflation, die gestiegenen Stundensätze in den Werkstätten durch höhere Löhne und der Designschutz der Autohersteller. Häufig auszuwechselnde Ersatzteile wie Kotflügel, Kofferraumklappen und Scheinwerfer dürfen nur von OEM-Zulieferern hergestellt werden. Diese Unternehmen bestimmen auch die Preise.
Mehrkosten für Assistenz- und Elektroniksysteme
Was zukünftig ebenfalls die Kosten ansteigen lässt, ist die technische Komplexität der Fahrzeuge. Assistenz- und Elektroniksysteme wie Einparkhilfen, Notbremsassistenten und Spurhaltewarner sorgen zwar für mehr Sicherheit und weniger Unfälle. Die dafür notwendigen Sensoren, Kameras und Technologien führen aber zu höheren Reparaturkosten. Laut GDV-Studie könnten das bis 2040 weitere 4 bis 5 Prozent Mehrkosten sein.
Beispielsweise kostet der Wechsel einer Windschutzscheibe rund 15 Prozent mehr, wenn das Auto über Assistenzsysteme verfügt: Die Werkstatt muss die Sensoren bei jedem Einbau neu kalibrieren. Darüber hinaus können diese Systeme nicht jede Art von Schaden vermeiden, vor allem in der Kaskoversicherung. Diebstahl, Vandalismus, Steinschlag, Hagel oder Marderbisse bleiben weiterhin Teil der Kalkulation.
Neue Fahrzeugtypen verändern Risikostruktur
Bis 2040 erwartet der GDV, dass 60 Prozent der Autos elektrisch sein werden. Schon jetzt sind Reparaturen an E-Autos rund 10 Prozent teurer als bei Verbrennern. Selbst, wenn Werkstätten routinierter werden und die Stückzahlen steigen, bleibt ein Mehraufwand von 5 Prozent.
Zunehmende Volatilität im Schadenverlauf
Durch das volatile Marktumfeld sind Ergebnisse schwerer vorhersehbar und wirtschaftliche Abweichungen werden häufiger. Auch hier sind die Ursachen vielfältig:
- Kosten steigen nicht linear. Ersatzteilpreise und Werkstattkosten entwickeln sich sprunghaft und oft schneller als die allgemeine Inflation, was die Schadenhöhe kurzfristig nach oben verschiebt.
- Technische Komplexität erzeugt Schwankungen. Sensorik, Assistenzsysteme und Elektronik machen Reparaturen nicht nur teurer, sondern auch anfälliger für große Kostensprünge bei einzelnen Schadenarten.
- Wetterereignisse verzerren die Entwicklung. Sturm, Hagel oder Blitz können Schadenbedarfe in einzelnen Jahren deutlich erhöhen und die Normalentwicklung überlagern.
- Markt- und Fahrverhalten ändern sich schneller. Nach Corona, durch Mobilitätswandel und durch neue Fahrzeugtechnologien ändern sich Schadenfrequenz und Schadenmix, was historische Muster weniger stabil macht.
- Inflation wirkt als Verstärker. Wenn allgemeine Preissteigerungen auf ohnehin teure Reparaturen treffen, werden Abweichungen vom Planwert größer.
Schadeninflation und Volatilität erschweren langfristige Planungssicherheit
Mehrere Kostentreiber wirken gleichzeitig auf die Schadeninflation im Kfz-Geschäft und ihre Entwicklung verläuft zunehmend dynamisch. Für Versicherer reicht es deshalb nicht mehr aus, nur die Schadenhäufigkeit zu betrachten; entscheidend ist auch die dauerhaft steigende Schadenhöhe. Weil diese Kostenentwicklung nicht stabil ist, können frühere Kalkulationsannahmen schnell veralten. Das erhöht das Risiko, dass Tarife zu günstig angesetzt werden und Bestände in die Verlustzone rutschen.
Diese Dynamik beeinflusst zugleich die Planbarkeit in der Kfz-Versicherung. Schadenquoten und Combined Ratios lassen sich weniger präzise prognostizieren, Abweichungen vom Plan treten häufiger auf und einzelne Bestände oder Jahrgänge können deutlich besser oder schlechter ausfallen als erwartet. Die klassische Risikoprüfung in der Kfz-Versicherung stößt an ihre Grenzen.
Für die Praxis bedeutet das: Versicherer müssen ihre Kalkulationszyklen verkürzen, Prämien häufiger nachjustieren und ihre Rückstellungen sowie Eigenmittel enger überwachen. Außerdem gewinnen eine stärkere Segmentierung und eine ganzheitliche Betrachtung des einzelnen Versicherungsnehmers an Bedeutung, um Abschlussquote, Wachstum und Schaden-Kosten-Quote in Einklang zu bringen.
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Fragen zum Thema?
Oder tauschen Sie sich direkt mit der Autorin Ursula Rieger über aktuelle Entwicklungen im Kfz-Versicherungsmarkt und deren Auswirkungen auf Profitabilität und Risikomanagement aus.
Ursula Rieger
Account Manager
Ursula.Rieger@experian.com

